Frau Holle

Illustration zu „Frau Holle“, Seite 1

Es war einmal eine Frau, die zwei Töchter hatte. Die eine war fleißig und freundlich, die andere war faul.

Die Mutter mochte die faule Tochter lieber. Deshalb musste die fleißige Tochter fast die ganze Arbeit machen.

Jeden Tag saß das fleißige Mädchen am Brunnen und spann Garn. Es arbeitete so viel, dass seine Finger wund wurden.

Eines Tages fiel seine Spule in den Brunnen. Das Mädchen erzählte es seiner Mutter.

Die Mutter wurde böse und sagte:
„Du hast die Spule in den Brunnen fallen lassen. Dann musst du sie auch wieder herausholen!“

Das Mädchen ging zurück zum Brunnen. Es wusste nicht, wie es die Spule holen sollte, und sprang schließlich hinein.

Dabei verlor es das Bewusstsein. Als es wieder aufwachte, lag es auf einer wunderschönen Wiese. Die Sonne schien und überall blühten viele Blumen.

Das Mädchen ging weiter und kam zu einem Backofen. Die Brote darin riefen:
„Zieh uns heraus! Wir sind schon fertig, sonst verbrennen wir!“

Das Mädchen half sofort und holte alle Brote heraus.

Dann kam es zu einem Apfelbaum. Der Baum rief:
„Schüttle mich! Meine Äpfel sind alle reif!“

Das Mädchen schüttelte den Baum, bis alle Äpfel heruntergefallen waren. Danach legte es sie ordentlich zusammen.

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Illustration zu „Frau Holle“, Seite 2

Schließlich kam das Mädchen zu einem kleinen Haus. Dort wohnte eine alte Frau mit großen Zähnen. Das Mädchen erschrak zuerst.

Die alte Frau sagte freundlich:
„Hab keine Angst. Ich bin Frau Holle. Bleib bei mir und hilf mir im Haus. Besonders wichtig ist, dass du mein Bett gut machst und das Federbett kräftig ausschüttelst.
Wenn die Federn fliegen, schneit es auf der Erde.“

Das Mädchen blieb bei Frau Holle und arbeitete jeden Tag fleißig. Es erledigte alle Arbeiten sorgfältig und schüttelte das Federbett so kräftig, dass die Federn wie Schneeflocken herumflogen.
Frau Holle war sehr zufrieden.

Nach einiger Zeit bekam das Mädchen Heimweh.
„Mir geht es hier gut, aber ich möchte wieder nach Hause.“

Frau Holle antwortete:
„Du hast mir so fleißig geholfen. Deshalb bringe ich dich selbst nach Hause.“

Frau Holle führte das Mädchen zu einem großen Tor. Als es hindurchging, fiel ein Regen aus Gold auf das Mädchen. Das Gold blieb an seinen Kleidern hängen.

Frau Holle sagte:
„Das ist deine Belohnung, weil du so fleißig und hilfsbereit gewesen bist.“

Sie gab dem Mädchen auch seine verlorene Spule zurück.

Als das Mädchen nach Hause kam, rief der Hahn:

„Kikeriki!
Unsere goldene Jungfrau ist wieder hie!“

Das Mädchen erzählte seiner Mutter alles: wie es den Broten und dem Apfelbaum geholfen, bei Frau Holle fleißig gearbeitet und dafür das Gold bekommen hatte.

Als die Mutter das viele Gold sah, wollte sie, dass auch ihre faule Tochter diese Belohnung bekam.

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Illustration zu „Frau Holle“, Seite 3

Also sollte auch die faule Tochter zum Brunnen gehen. Doch sie wollte nicht so hart arbeiten, bis ihre Finger wund wurden.

Sie stach sich an einem Dorn in den Finger, machte die Spule mit Blut nass, warf sie in den Brunnen und sprang hinterher.

Auch sie kam auf die schöne Wiese.

Die Brote riefen:
„Zieh uns heraus, sonst verbrennen wir!“

Doch die faule Tochter antwortete:
„Nein! Ich möchte mich nicht schmutzig machen.“

Beim Apfelbaum hörte sie:
„Schüttle mich! Meine Äpfel sind alle reif!“

Doch sie antwortete:
„Nein! Ein Apfel könnte mir auf den Kopf fallen.“

Sie ging weiter und kam schließlich zu Frau Holles Haus. Sie hatte von ihrer Schwester schon von Frau Holle und dem Gold gehört und hatte deshalb keine Angst.

Frau Holle ließ sie bei sich bleiben und bat sie, im Haus zu helfen und das Federbett kräftig auszuschütteln.

Am ersten Tag arbeitete das Mädchen noch fleißig, weil es an das Gold dachte. Doch bald wurde es faul.
Es wollte morgens nicht aufstehen und schüttelte auch Frau Holles Federbett nicht mehr richtig aus.

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Illustration zu „Frau Holle“, Seite 4

Frau Holle hatte bald genug von ihrer Faulheit und sagte, dass sie nicht länger bei ihr bleiben könne.

Die faule Tochter freute sich, denn sie dachte:
„Jetzt bekomme ich bestimmt auch einen Goldregen!“

Frau Holle führte sie zum gleichen großen Tor.

Doch diesmal fiel kein Gold herunter. Stattdessen wurde das Mädchen mit schwarzem Pech überschüttet.

Frau Holle sagte:
„Das ist deine Belohnung für deine Arbeit.“

Als die faule Tochter nach Hause kam, rief der Hahn:
„Kikeriki!
Unsere schmutzige Jungfrau ist wieder hie!“

Doch das Pech blieb an ihr hängen.

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