Die goldene Gans

Illustration zu „Die goldene Gans“, Seite 1

Es war einmal ein Mann, der drei Söhne hatte. Die beiden älteren Söhne hielten sich für besonders klug.
Den jüngsten nannten alle nur Dummling. Sie lachten oft über ihn und nahmen ihn nicht ernst.

Eines Tages ging der älteste Sohn in den Wald, um Holz zu hacken. Seine Mutter gab ihm einen leckeren Kuchen und eine Flasche Wein mit.

Im Wald traf er ein kleines, altes Männlein mit grauen Haaren.

Das Männlein sagte:

„Guten Tag! Ich habe großen Hunger und Durst. Kannst du mir etwas von deinem Kuchen und deinem Wein geben?“

Der älteste Sohn antwortete:

„Wenn ich dir etwas gebe, habe ich selbst weniger. Geh weg!“

Er ging weiter und begann, einen Baum zu fällen. Doch plötzlich rutschte seine Axt ab und verletzte seinen Arm. Er musste nach Hause gehen.

Am nächsten Tag ging der zweite Sohn in den Wald. Auch er bekam Kuchen und Wein von seiner Mutter.

Er traf dasselbe graue Männlein. Doch auch er wollte nichts teilen.

Als er Holz hackte, verletzte er sich mit der Axt am Bein und musste nach Hause gebracht werden.

Nun wollte Dummling sein Glück versuchen.

Sein Vater sagte:

„Deine Brüder haben sich verletzt. Du verstehst doch noch weniger vom Holzhacken!“

Aber Dummling bat so lange, bis sein Vater ihn gehen ließ.

Seine Mutter gab ihm nur einen einfachen Kuchen, der in der Asche gebacken worden war, und eine Flasche saures Bier.

Im Wald traf auch Dummling das graue Männlein.

„Kannst du mir etwas zu essen und zu trinken geben?“, fragte es.

Dummling antwortete freundlich:

„Ich habe nur einen einfachen Kuchen und saures Bier. Aber wenn du möchtest, können wir alles miteinander teilen.“

Sie setzten sich zusammen. Als Dummling seinen Kuchen auspackte, war daraus plötzlich ein leckerer Eierkuchen geworden!
Und das saure Bier hatte sich in guten Wein verwandelt.

Das Männlein sagte:

„Du hast ein gutes Herz und teilst gerne. Deshalb möchte ich dir Glück schenken. Dort steht ein alter Baum. Fälle ihn, dann wirst du etwas Besonderes finden.“

Dummling bedankte sich und ging zu dem Baum.

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Illustration zu „Die goldene Gans“, Seite 2

Dummling fällte den alten Baum. Zwischen seinen Wurzeln entdeckte er etwas Wunderbares: eine Gans mit Federn aus reinem Gold!

Er nahm die goldene Gans mit und ging zu einem Gasthaus, um dort zu übernachten.

Der Wirt hatte drei Töchter. Als sie die goldene Gans sahen, wollten alle drei unbedingt eine goldene Feder haben.

Die älteste Tochter dachte:

„Wenn der Junge nicht hinsieht, nehme ich mir eine Feder.“

Als Dummling kurz hinausging, fasste sie die Gans am Flügel.

Doch plötzlich klebte ihre Hand an der Gans fest! Sie konnte sich nicht mehr lösen.

Bald kam die zweite Tochter.

„Ich möchte auch eine goldene Feder!“, sagte sie.

Sie berührte ihre Schwester und blieb ebenfalls kleben.

Dann kam die jüngste Tochter.

Die beiden anderen riefen:

„Bleib weg! Fass uns nicht an!“

Doch die Jüngste hörte nicht auf sie. Sie berührte ihre Schwester und blieb auch kleben.

Nun hingen alle drei Schwestern aneinander und an der goldenen Gans fest.

So mussten sie die ganze Nacht bleiben.

Am nächsten Morgen nahm Dummling die Gans unter den Arm und ging weiter. Die drei Schwestern mussten hinter ihm herlaufen, denn sie konnten sich nicht lösen.

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Illustration zu „Die goldene Gans“, Seite 3

Dummling ging mit seiner goldenen Gans über ein Feld. Die drei Schwestern liefen hinter ihm her.

Da kam ein Pfarrer vorbei.

Als er die drei Mädchen sah, rief er:

„Was macht ihr denn? Warum lauft ihr diesem Jungen überall hinterher?“

Er fasste die jüngste Schwester an der Hand, um sie zurückzuziehen.

Doch plötzlich blieb auch er kleben!

Nun musste der Pfarrer ebenfalls hinter Dummling herlaufen.

Kurz darauf kam der Küster vorbei. Er sah den Pfarrer und rief:

„Herr Pfarrer! Wohin laufen Sie so schnell? Wir haben heute noch eine Taufe!“

Er packte den Pfarrer am Ärmel und blieb ebenfalls kleben.

Bald kamen zwei Bauern vom Feld. Der Pfarrer rief:

„Helft uns! Zieht uns auseinander!“

Die Bauern versuchten zu helfen. Doch sobald sie den Küster berührten, blieben auch sie kleben.

Jetzt liefen sieben Menschen hinter Dummling und seiner goldenen Gans her!

Einer zog am anderen, doch niemand konnte sich lösen.

So kamen sie in eine Stadt, in der ein König mit seiner Tochter lebte.

Die Prinzessin war sehr ernst und hatte noch nie gelacht. Deshalb hatte der König versprochen:

„Wer meine Tochter zum Lachen bringt, darf sie heiraten!“

Als Dummling davon hörte, ging er mit seiner goldenen Gans und der langen Menschenkette zum Schloss.

Die Prinzessin schaute aus dem Fenster.

Als sie die sieben Menschen sah, die hintereinander herliefen und sich nicht lösen konnten, musste sie plötzlich laut lachen.

„Ha, ha, ha! Wie lustig!“

Sie lachte so sehr, dass sie gar nicht mehr aufhören konnte.

Dummling freute sich und wollte nun die Prinzessin heiraten.

Doch der König wollte seine Tochter nicht so einfach mit Dummling verheiraten. Deshalb stellte er ihm eine schwere Aufgabe.

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Illustration zu „Die goldene Gans“, Seite 4

Der König sagte:

„Wenn du meine Tochter heiraten willst, musst du zuerst jemanden finden, der einen ganzen Keller voller Wein austrinken kann!“

Dummling wusste nicht, wie er das schaffen sollte. Da erinnerte er sich an das freundliche graue Männlein im Wald.

Er ging zurück zu der Stelle, an der er die goldene Gans gefunden hatte.

Dort saß ein Mann, der sehr traurig aussah.

Dummling fragte:

„Warum bist du so traurig?“

Der Mann antwortete:

„Ich habe schrecklichen Durst! Ich habe schon ein ganzes Fass Wein getrunken, aber ich bin immer noch durstig.“

Dummling sagte:

„Dann komm mit mir! Ich kenne einen Ort, an dem du so viel trinken kannst, wie du möchtest.“

Er führte den Mann in den Weinkeller des Königs.

Der Mann trank und trank. Noch bevor der Tag vorbei war, hatte er den ganzen Keller leer getrunken!

Dummling ging zum König und wollte nun die Prinzessin heiraten.

Doch der König stellte ihm eine neue Aufgabe:

„Finde jemanden, der einen riesigen Berg Brot aufessen kann!“

Dummling ging wieder in den Wald.

Dort saß ein anderer Mann, der seinen Bauch mit einem Gürtel fest zusammengebunden hatte.

„Warum machst du das?“, fragte Dummling.

Der Mann antwortete:

„Ich habe so großen Hunger! Ich habe schon einen ganzen Backofen voller Brot gegessen, aber ich werde einfach nicht satt.“

Dummling sagte:

„Dann komm mit mir! Du sollst so viel Brot bekommen, wie du essen kannst.“

Der König ließ einen riesigen Berg Brot backen.

Der hungrige Mann begann zu essen. Er aß und aß, bis am Ende des Tages kein einziges Stück Brot mehr übrig war.

Doch der König wollte sein Versprechen immer noch nicht halten.

Deshalb stellte er Dummling eine dritte Aufgabe.

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Illustration zu „Die goldene Gans“, Seite 5

Der König sagte:

„Du musst mir ein Schiff bringen, das sowohl auf dem Wasser als auch auf dem Land fahren kann. Erst dann darfst du meine Tochter heiraten!“

Dummling ging wieder in den Wald. Er hoffte, dass ihm das graue Männlein helfen würde.

Diesmal traf er tatsächlich das Männlein wieder, mit dem er seinen Kuchen geteilt hatte.

Das Männlein sagte:

„Du hast damals dein Essen und Trinken mit mir geteilt. Dafür habe ich dir Glück versprochen.“

Es lächelte und sprach weiter:

„Du hast die ersten beiden Aufgaben geschafft. Jetzt werde ich dir auch bei der letzten helfen.“

Dann schenkte es Dummling ein besonderes Schiff. Es konnte auf dem Wasser schwimmen und über das Land fahren!

Dummling fuhr mit dem Zauberschiff zum Schloss.

Als der König das wunderbare Schiff sah, konnte er keine neue Ausrede mehr finden.

Er musste sein Versprechen halten.

Dummling durfte die Prinzessin heiraten.

Es wurde eine große Hochzeit gefeiert, und alle freuten sich.

Später, als der König starb, wurde Dummling selbst König.

Er und die Prinzessin lebten noch viele Jahre glücklich zusammen.

So zeigt uns das Märchen: Nicht der Klügste oder Reichste hat immer das größte Glück. Wer ein gutes Herz hat, freundlich ist und mit anderen teilt, kann viel Gutes erleben.

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